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Alles im Fluss

Beginnen wir mit einer Binsenweisheit: Stadtentwicklung ist niemals abgeschlossen. Auch wenn sie feste Ziele vor Augen oder gar schon erreicht hat, bleibt sie eine permanente Aufgabe. Dasselbe gilt natürlich für das Quartiersmanagement, obwohl es als ein zeitlich befristetes Instrument der Stadtentwicklung eingesetzt wurde. Eine lebendige Stadt, ein lebendiger Stadtteil ist immer im Fluss, und der Vorstellung, dass eine Stadt fertig sein könnte, haftet etwas unlebendiges an.

Drei Nachrichten rufen uns diese Selbstverständlichkeiten ins Bewusstsein: 1. Der Tagesspiegel verlässt die Potsdamer Straße. 2. Das Varietee-Theater Wintergarten musste Insolvenz anmelden. 3. Das Collège Voltaire zieht von Reinickendorf nach Tiergarten Süd.
Alles ist im Fluss.

Wir begrüßen freudestrahlend jede Institution und jedes Unternehmen, das in unseren Stadtteil ziehen will, wenn jemand wegzieht, fühlen wir uns verlassen, und wenn etwas zu Ende geht, denken wir, dass früher alles besser war.

Früher traten gegenüber vom Tagesspiegel im Quartier Latin politisch motivierte Liedermacher auf, Hannes Wader zum Beispiel, aber auch Rock- und Jazzgruppen aus Berlin und aus aller Welt, Geheimtipps, die später dann jeder kannte, wie die Einstürzenden Neubauten. Der Laden hatte in seiner Atmosphäre etwas Anarchisches, man sah ihm an, dass er kurz nach 1968 eröffnet worden war. David Bowie verkehrte in seinen Berliner Jahren dort. Auch andere Stars kamen nach ihren großen Konzerten gerne noch ins Quartier Latin. Konzertraum, Kneipe, Treffpunkt.

Bis 1990. Dann war seine Zeit vorbei. Da waren natürlich viele traurig. Etwas war zu Ende gegangen und etwas anderes begann: das Varietee-Theater Wintergarten. Ja, das war Unterhaltung für ein ganz anderes Publikum. Jetzt war Garderobe gefragt. Na und? Es war gut, dass für diesen eigenartigen Veranstaltungsraum neue Ideen gedacht und umgesetzt wurden. Verhängnisvoll wäre nur ein Leerstand gewesen.

Viele Mitarbeiter des Tagesspiegel essen in der Joseph-Roth-Diele oder der Maultaschen-Manufaktur, vielleicht kaufen sie bei Staroske ein oder in den anderen Läden der Umgebung. Ein Wegzug des Unternehmens wird einiges nach sich ziehen. Es ist nicht leicht, an dieser Stelle optimistisch zu bleiben, und die Versuchung, den Satz „Alles ist im Fluss“ in „Alles geht den Bach runter“ umzuwandeln, ist groß. Doch warum? Wenn ein Unternehmen geht, entsteht Platz für ein neues.

Tiergarten Süd wird sich auch durch die neue Parkanlage auf dem Gelände des Gleisdreiecks verändern. Die Pohlstraße, die Flottwellstraße werden an Attraktivität gewinnen. Schon jetzt zieht es immer mehr Galerien hierher. Einige Probleme werden gelöst werden, andere werden dazu kommen und wieder andere werden bleiben. Stadtentwicklung und Quartiersmanagement sind eben permanente Aufgaben.

text: BuM (QB 39); grafiken: magistrale-kulturnacht.de