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Februar 2005: Kunstwettbewerb Potsdamer Straße - Ein Bild aus Stille in der Potsdamer Straße – nur ein Traumbild?


Eine Frau reitet auf einem Rennpferd im Schritttempo vom Landwehrkanal bis zum Kleistpark und wir folgen ihr während des ungefähr halbstündigen Ritts durch die 1,8 Kilometer lange Potsdamer Straße – auf einer Leinwand. Kein weiterer Mensch ist zu sehen, kein Auto, keine Bewegung auf der im Alltag so bewegten und so lauten Straße, eben nur die Reiterin.

Das war das Konzept des Künstlers Thorsten Goldberg, den eine mit Fachleuten besetzte Jury zum Sieger des Wettbewerbs um eine "dauerhafte künstlerische Installation zur Kunst- und Kulturgeschichte" der Potsdamer Straße erklärt hat. Acht Künstler und Künstlergruppen waren von den Quartiersmanagements Schöneberger Norden und Magdeburger Platz eingeladen, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Das Ergebnis wurde am 1. Februar in einer öffentlichen Bürgerversammlung im Haus am Kleistpark präsentiert und – wie sollte es anders sein, wenn es um Kunst geht – kontrovers diskutiert. Mitglieder der Jury und Vertreter der Kulturämter der beiden Bezirke zeigten sich dennoch optimistisch, die Bürger im Laufe der Zeit für die Idee begeistern zu können. Und eine Woche später dann die dramatische Wende: Der Berliner Senat steigt aus und will das Projekt nicht finanzieren. Doch noch ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Kann man Stille sehen? Die Leinwand, auf der die Passanten den Ritt hätten verfolgen können, sollte an einer Ecke aufgestellt werden, wo es für gewöhnlich hoch hergeht, vielleicht an der Kreuzung Pohlstraße, das war noch nicht entschieden. Das Bild der Stille sollte magisch im real existierenden lauten Raum stehen, die langsame Bewegung des Ritts inmitten des harten Tempos des täglichen Verkehrs. Es wären zwei Zeiten gleichzeitig wahrnehmbar gewesen. Doch diese Installation wäre noch nicht das eigentliche Kunstwerk gewesen, eher eine Erinnerung daran.

Ein Tag als Ereignis

Das eigentliche Kunstwerk hätte der Tag sein sollen, an dem die Potsdamer Straße gesperrt worden wäre, an dem sich außer der Reiterin niemand in der Straße hätte bewegen sollen, an dem, wenn es gelungen wäre, alle mitgemacht und sich für kurze Zeit völlig heraushalten hätten aus dem Geschehen. Das eigentliche Kunstwerk wäre der Tag gewesen, an dem das Traumbild Ereignis geworden wäre. Mit den Mitteln heutiger Technik den Film in einem Studio herzustellen, alles wegzuretuschieren, was nicht ins Konzept passt, das hatte der Künstler abgelehnt. Ein synthetisches Ergebnis wollte er nicht. Ihm kam es auf das Ereignis an. Der Film sollte ohne Schnitt in Originalzeit gedreht werden. "Ein Gemälde kann man auch nur einmal malen", sagt Thorsten Goldberg.

Das Pferd wäre ein ebenso minimaler wie starker Bezug auf die Geschichte der Straße gewesen, die in ihren Anfängen ein kleines Teilstück der Reichsstraße zwischen Aachen und Königsberg war, und zwar zu Zeiten, als man größere Strecken noch hoch zu Ross zurücklegte. Was in der Zwischenzeit aus der Straße geworden ist, hätte man durch die Kunstaktion mit ganz anderen Augen gesehen. Der Blick hätte sich unverstellt auf die Spuren richten können, die die Baugeschichte hinterlassen hat.

Die Mitsprache der Bürger

Wichtig für die Jury war aber auch noch ein anderer Aspekt: Wie lässt sich ein Kunstwerk einbinden in die Absichten des Programms "Soziale Stadt"? An diesem Projekt hätten in gewisser Weise alle beteiligt werden müssen, und sei es auch nur dadurch, dass sie die Inszenierung Stille akzeptiert hätten. Es wäre das erste Mal gewesen, dass eine gemeinsame Aktion für die gesamte Potsdamer Straße den Schöneberger mit dem Tiergartener Teil verbunden hätte. Eine Argumentation, der nicht alle Bürger auf der Versammlung folgen wollten. Möglicherweise auch der Senat nicht.

Einige Teilnehmer der Bürgerversammlung hätten außerdem einen offenen Wettbewerb für besser gehalten. Dagegen sprachen aus Sicht der Auslober vor allem zwei Gründe: Ganz pragmatisch hätte man für einen offenen Wettbewerb viel mehr Zeit benötigt, als zur Verfügung stand. Das zur Verfügung stehende Geld muss im Haushaltsjahr 2005 ausgegeben werden; und dann gab es auch von Kunstsachverständigen den Hinweis, dass bei einem offenen Wettbewerb auch viele wenig qualifizierte Beiträge eingehen.

Kritik wurde auch daran geübt, dass die Bürger zwar auf den Versammlungen sagen durften, was sie von den einzelnen Vorschlägen halten, dass sie aber keine Stimme bei der Entscheidung hatten. Inhaltlich waren einige nicht damit einverstanden, "dass die Leute, die die Potsdamer Straße ausmachen, weg sollen, dass ein bevölkerungsleerer Raum hergestellt werden soll".

Der Vergleich mit Christos Reichstagsverhüllung geisterte auch durch den Raum. Wie geschickt oder ungeschickt der auch gewählt sein mag – es wäre durchaus zu erwarten gewesen, dass diese Aktion über den Film hinaus viele Bilder hinterlässt, auf Postkarten, auf Kalendern, auf Plakaten, im Fernsehen – wo auch immer – vor allem aber in den Köpfen. Und was sich aus dieser Aktion noch alles hätte entwickeln können, das kann heute niemand wissen – es wird wohl Spekulation bleiben, wir werden es kaum noch erfahren. Das Traumbild wird nicht mit der Realität in Konfrontation treten, es wird ein Traumbild bleiben.

Der Senat war übrigens an dem gesamten Verfahren beteiligt und auch in der Jury, die ihre Entscheidung einstimmig gefällt hat, vertreten. Irgendetwas hat da wohl im letzten Moment irgendwem kalte Füße bereitet. Nicht alle werden das bedauern, einige aber schon.

Und der Potsdamer Straße hätt’s nicht geschadet. Sie wäre Gesprächsstoff gewesen, eine Kunstattraktion vielleicht, vielleicht ein Anziehungspunkt auch für jene, die bisher nach dem Ausstellungs-, Konzert- oder Kinobesuch auf der Museumsinsel oder am Potsdamer Platz noch nicht den Weg über den Landwehrkanal gefunden haben. Es hätte ein Fest werden können. Die Senatsverwaltung mutmaßt jedoch, dass die QMs nicht über die organisatorische Kapazität verfügen, alle notwendigen Vorbereitungen für den Event zu treffen. Doch es wird weiter nachgedacht. Vielleicht wird es ja doch noch was mit dem Fest – und mit dem Bild der Stille.

text: BuM (QB 21)