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Von A wie Afghanistan bis Z wie Zaire: Nachbarn auf Zeit im Asylbewerberheim am Schöneberger Ufer
Jetzt sind sie angekommen – mit allem, was sie mitnehmen konnten, die ganze Familie. Endlich! Ein eigenes kleines Appartment wartet auf sie, mit Schlafplätzen und Kochgelegenheit und einem kleinen Bad, und nebenan auf dem Gang wohnen weitere Flüchtlinge, vielleicht ist sogar aus dem selben Herkunftsland jemand dabei. Ganze Familien, alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern und Einzelne.
- Das ist in etwa die Situation, die alle rund 200 Bewohner/innen des Asylbewerberheims am Schöneberger Ufer miterlebt haben. Die Vorgeschichte ist bei jedem anders und oft abenteuerlich: Sie alle haben notgedrungen ihre Heimat verlassen, manche auf verschlungenen Wegen und unter großen Gefahren, und viele auf der Flucht vor Verfolgung. Wegen ihrer Volkszugehörigkeit, wegen ihrer religiösen Überzeugungen, wegen ihrer unerwünschten politischen Ansichten, vor Krieg oder Bürgerkrieg...
„Bei uns wohnen Menschen aus allen möglichen Ländern“, so Martina Brieske, Sozialarbeiterin im Wohnheim. „Von A wie Afghanistan bis Z wie Zaire.“ Überwiegend sind es Familien, fügt ihre Kollegin, Frau Hildebrandt, hinzu. Die beiden Frauen sind für alle möglichen Belange im Haus zuständig: Sie organisieren die Kleiderkammer, begleiten zu Ämtern, vermitteln an Projekte oder andere Anlaufstellen, sind die erste Adresse für Fragen.
„Wir sprechen selbst Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Mongolisch“, so Frau Brieske. „Damit kommt man schon ganz schön weit – und schließlich haben wir ja auch noch ehrenamtliche Unterstützung, zum Beispiel von Studenten über 'Asyl in der Kirche', die sprechen quasi alle Sprachen und können übersetzen.“
Wie geht es dann weiter für die frisch Angekommen?
Sie haben im Schnitt drei Monate Aufenthalt in der zentralen Berliner Aufnahmestelle in Spandau hinter sich, ein wenig Zeit zum Verpusten und Ankommen, bevor sie in die auf die Stadt verteilten kleineren Asylbewerberheime zugewiesen werden. Wer mit bloßen Händen ankam, hat in Spandau schon mal eine gewisse Grundausstattung an Kleidung und wichtigen Dingen des täglichen Bedarfs erhalten, den er mitbringt ans Schöneberger Ufer.
Dort steht aber gleich eine ganze Reihe von Aufgaben an: „Die Leute bekommen einen richtigen Laufzettel, der ist nicht von Pappe“, sagt Frau Hildebrandt. Termine beim Amt sind zu machen, um das Asylverfahren ordnungsgemäß durchzuführen, Anhörungstermine, Arztbesuche z.B. zur TBC-Vorsorge. Außerdem sind innerhalb des Verfahrens Sprach- und Integrationskurse bei anerkannten Trägern vorgeschrieben. Und dann heißt es ja auch noch, die Kinder in der Schule anzumelden – die Kleineren in der Grundschule ums Eck, die größeren in weiterführenden Schulen – oder sich um einen Kita-Platz zu kümmern. „Vieles davon ist schon für Leute, die hier leben, nicht einfach zu organisieren, geschweige denn, man kommt in ein Land mit noch ziemlich fremder Kultur und einer fremden Sprache“, bestätigt Frau Brieske.
Beim Sprung ins kalte Wasser gebe es aber Unterstützung über die Sozialarbeit vor Ort hinaus: So helfen sich die Nachbarn der gleichen Nationen und Kulturkreise untereinander in Gesprächen und mit Tipps, an welche Vereine oder Ländergruppen man sich in Berlin wenden kann, auch Einrichtungen wie der Berliner Flüchtlingsrat oder die Familienhilfe stehen Ratsuchenden zur Seite.
Vernetzung läuft auch im Stadtteil: Die Grundschulkinder können im Unterricht andere Kinder kennen lernen, gleich hinter dem Haus liegt der Familiengarten Kluckstraße mit dem Kinder-Angebot von Fipp e.V., wo es auch Anschluss ans Elternnetzwerk gibt. Kinder und Jugendliche schnuppern auch mal ins Jugendteam- oder Mädchen-Programm des Stadtteilvereins Tiergarten im Jugendclub an den U-Bahn-Bögen rein, auch zur Allegro-Grundschule und der Zwölf-Apostel-Gemeinde bestehen dauerhafte Kontakte. Dazu kämen Eltern-Kind-Gruppen mit den ehrenamtlich arbeitenden Studenten oder andere Projekte speziell für die Heimbewohner.
„Ein richtiges Glück, dass es hier eine so tolle Struktur von Angeboten und Einrichtungen gibt“, so Frau Brieske. „Und dass die Leute im Kiez an die Vielfalt der Kulturen gewöhnt sind – beides hilft unseren Bewohnern sehr.“ Sie erzählt auch, dass schon wenige Tage nach der Heim-Eröffnung im Oktober 2010 Nachbarn mit einer Babybetten und Spielsachen als Spende vorbeigekommen seien, eine tolle und willkommene Geste.
Angebote wie die Kleiderkammern vor Ort oder im Bezirk sind für die Familien viel wert: Sie leben von recht wenig, erhalten etwa 60% des Hartz IV-Satzes. Das Gefühl, selbst für sich sorgen zu können, ist wichtig. Aber Essen, Kleidung, Schul- und Spielzeug - für alles will von diesem Geldbetrag gesorgt sein, das ist nicht einfach.
In der Zeit, die nicht für Ämtergänge oder Ähnliches reserviert ist, blieben die Familien oft gerne unter sich, so die Erfahrung der Sozialarbeiterinnen: Das Bedürfnis nach Ruhe und Geborgenheit ist bei vielen groß, sie sehnen sich nach Sicherheit und schließen sich zu Gruppen nach Nationen zusammen. Viele fänden auch Anschluss innerhalb der vielen Vereine in der Stadt; gerade Kurden, afrikanische Nationen, Vietnamesen oder Koreaner hätten da ein großes kulturelles und unterstützendes Angebot aufgebaut.
Trotzdem: Für alle, die am Schöneberger Ufer eine Bleibe gefunden haben, ist diese Bleibe doch unsicher. Wie lange ein Asylverfahren dauert und ob jemand hier als Flüchtling anerkannt wird oder aus humanitären Gründen bleiben darf, hängt von vielen Faktoren ab – neben der Beurteilung der Fluchtgründe spielt die jeweilige Lage im Herkunftsland oft eine entscheidende Rolle. Eine wackelige Lage, in der jede/r der Bewohner/innen, große und kleine, am Schöneberger Ufer für ungewisse Zeit feststeckt, und bestimmt auch eine große Belastung.
„Der Tag könnte mehr Stunden haben, so dass für wir für die Einzelnen mehr Zeit haben“,sagen beide Sozialarbeiterinnen spontan auf die Frage, was sie sich denn für das Asylbewerberheim noch wünschen. „Aber am wichtigsten ist, dass die Vernetzung weiterhin so gut läuft, unsere Bewohner hier eine wenig Ruhe finden und gerne hier sind.“






