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November 2004: Ein Buch aus Granit

 
 
Rund um die Bücherei an der Lützowstraße ist in den vergangenen Monaten viel passiert - zur Einweihung des neuen riesigen Granitbuchs vor der Bibliothek kam auch deren treuester Nutzer.

Schritt für Schritt: Vor einem Jahr konnte die Neugestaltung des Eingangsbereichs der Fritzlar-Homberg-Grundschule an der Lützowstraße mit dem Hissen eines Schulsegels abgeschlossen werden, jetzt direkt gegenüber die der Freifläche vor der Stadtteilbibliothek mit der Enthüllung eines Granitbuchs des Steinbildhauers Ugur Özbay durch die Stadträtin für Bildung und Kultur Dagmar Hänisch (SPD). Der nächste Schritt wird ein Bibliothekscafé sein, dafür wird eine Art Pavillion angebaut. Mit den Arbeiten soll noch in diesem Jahr begonnen werden.

Damit wird die Lützowstraße dort, wo die Menschen den Zugang zu zwei für das Gebiet wichtigen Bildungseinrichtungen finden sollen, deutlich attraktiver. Der Weg über die Straße, von der Schule zur Bibliothek oder zurück, wird durch einen Zebrastreifen erleichtert. Möglich geworden ist diese Weiterentwicklung des Stadtraums durch die enge Zusammenarbeit des Quartiersmanagement Magdeburger Platz mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und durch die Finanzierung aus dem Programm "Soziale Stadt" und der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Bundesagentur für Arbeit. Für die Gestaltung verantwortlich ist Lutz Sepke, Quartiersmanager.

Die Aufwertung beider Einrichtungen ist aber keineswegs nur äußerlicher Art. Die Fritzlar-Homberg-Grundschule ist seit Beginn des laufenden Schuljahrs eine Ganztagsschule, und die Anzahl der ausgeliehenen Medien, also außer Büchern auch Hörbücher, Hörspielkassetten, Videos, DVDs und so weiter, ist um 30 Prozent gestiegen. An manchen Tagen besuchen ganze Schulklassen sowohl der Fritzlar-Homberg-Grundschule als auch der Grips-Grundschule aus der Kurfürstenstraße, die sich ja besonders als "Lesende Schule" profiliert, die Bibliothek. Bei all dem nicht zu vergessen, die klassische Aufgabe einer Bücherei: die Versorgung der in der Umgebung lebenden Menschen mit Lektüre.

Skulpturen wollen berührt werden, sie verführen einen, den Tastsinn zu gebrauchen, die Oberfläche zu prüfen. Wie glatt ist sie, wie rau? Wie gibt der harte Stein Geschmeidigkeit vor? Welches Material behauptet er zu sein? Und wie macht er das? Der Stein liegt nur da, aber der Künstler hat etwas mit ihm gemacht. Er hat das Geheimnis der Skulptur versteckt. Und wo hat er es versteckt? Laut Hugo von Hofmannsthal an der Oberfläche.

Das soll aber nun niemanden davon abhalten, sich auf das Buch zu setzen, wenn er einen Augenblick an diesem Ort verweilen möchte. Weil er ihn gerade so schön findet, oder weil die Sonne drauf scheint oder warum auch immer. Noch mehr Gründe zum Verweilen wird bald das Café bieten.

Ugur Özbay
oder Das Geheimnis der Steine


Wie ist das mit dem Stein und dem Geheimnis und mit der Oberfläche? Dieser, der jetzt vor der Bücherei liegt, ist ein roter Granit aus Zentralchina. Bevor Ugur Özbay ihn bearbeitet hat, wog er 4,6 Tonnen. Dann ging er mit Hammer und Meißel zu Werke, schlug alles ab, was nicht Buch war, und jetzt wiegt er noch 3,8 Tonnen. Wobei es in jedem Augenblick darauf ankommt, nicht zuviel abzuschlagen.

"Sie sehen vorher dem Stein an, was drin ist", sagt Ugur Özbay, "das ist eine lange Erfahrungsgeschichte. Es geht nur mit dem Stein, nicht gegen den Stein. Die Skulptur ist schon drin. Man schält sie aus."

Seit zwei Jahren arbeitet Ugur Özbay in seinem Atelier in den U-Bahn-Bögen in der Pohlstraße 11. Dort hat auch der Jugendtreff seine Räume, und es war ja auch bei der Wiederbelebung der Bögen durch den Stadtteilverein die Idee, dass die Jugendarbeit von den verschiedenen künstlerischen Aktivitäten profitieren könnte. In diesem Falle hat sich die Idee erfüllt, erleichtert auch dadurch, dass Ugur Özbay wie viele Kinder dort aus der Türkei stammt. "Erst haben sie neugierig geguckt, was man aus einem solchen Klotz machen kann, und dann ist das Buch sofort von den Kindern angenommen worden. Die sind jetzt sauer, dass der Stein weg ist."

Ugur Özbay hat lange Jahre in Lübeck, Weimar, Dresden und Leipzig als Bildhauer gearbeitet bevor er nach Berlin kam. Im Vorfeld der Arbeit an dieser Buchskulptur sind schon einige, meist kleinere Bücher aus verschiedenen Steinen entstanden, von denen man zwei am Tag der Enthüllung in der Bibliothek sehen konnte. Besonders beeindruckend war, zu erfahren, dass eins der Bücher aus einem – ja man möchte meinen ganz ordinären – Pflasterstein gebildet war. Das sah man dem Buch nicht an. Das sieht man aber auch den Pflastersteinen, dem Kopfsteinpflaster nicht an, was in ihnen steckt. Nur durch die Bearbeitung des Künstlers können wir heute sehen, wie schön die sind. Der allerdings hat den Blick dafür, der sieht sogar einem Pflasterstein an, ob ein Buch in ihm steckt oder nicht. Aber, wie gesagt: "Das ist eine lange Erfahrungsgeschichte."

Karl-Heinz Keul
Leser und Zeitzeuge


Alle drei bis vier Wochen kommt Karl-Heinz Keul in die Stadtteilbibliothek in der Lützowstraße 27, und er nimmt sich immer gleich ziemlich viele Bücher mit für sich und seine Frau. Dreißig Tage ist die Leihfrist, und wenn er mal keine besonders glückliche Wahl getroffen hat, kommt er eben schon ein bisschen eher wieder. Krimis liest er gerne "und historische Bücher, aber im Romanstil. Harry Potter nicht, den haben meine Frau und meine Enkelkinder gelesen." Karl-Heinz Keul gekört nicht nur zu den regelmäßigen Lesern, er dürfte auch der sein, der schon am längsten in die Bücherei kommt, um Bücher auszuleihen.

Seit 1940 schon. Der Krieg war noch kein Jahr alt und die Bücherei damals noch in dem Haus unter gebracht, in dem heute der Stadtteilverein Tiergarten sitzt. Die Pohlstraße hieß Ludendorffstraße, und außer der Leihbücherei waren in dem Haus Nonnen untergebracht und die Hitlerjugend. Später, nach dem Krieg dann die Pfadfinder und die Falken, die Jugendorganisation der SPD. Karl-Heinz Keul ist zu den Falken gegangen. Aber damals, im Krieg, hat er in diesem Haus Bücher ausgeliehen. Auch die von Erich Kästner, "Emil und die Detektive" zum Beispiel.

"Beim Eintritt", erinnert er sich, "musste man die Hände vorzeigen, und wenn die nicht sauber waren, erst waschen, sonst kam man nicht rein. Und alle Bücher waren zu der Zeit einheitlich gebunden in graue oder braune Pappumschläge."

1940 war auch das Jahr, in dem die Familie Keul von SO 36 nach Tiergarten Süd zog, zunächst in die Bissingzeile. Sein Vater war Arbeiter bei der IG Farben, die Wohnungen in der Bissingzeile aber waren groß und eigentlich nur für höhere Angestellte vorgesehen. Oder aber für Arbeiterfamilien der IG Farben mit vielen Kindern. Für die wurden dann die Wohnungen geteilt. Die Keuls bewohnten also eine halbe Wohnung.
1945 hat er den Kampf um Berlin als einer von zehn Jungen im Einsatztrupp der Hitlerjugend miterlebt. An der Potsdamer Brücke wurden Barrikaden gebaut, die von den Russen nicht ohne weiteres überwun-
den werden konnten. Das waren heftige Kämpfe. "Nach einem Granateneinschlag vor Loeser & Wolff haben wir die Verletzten ins Elisabeth-Krankenhaus getragen."
1945 war Karl-Heinz Keul sechzehn. Seine Erinnerungen an diese Zeit hat er aufgeschrieben. Seit kurzem engagiert er sich im Heimatverein Tiergarten.
Zweimal zog es Karl-Heinz Keul nach Australien, von 1951 bis 1957 und dann in den 60er Jahren noch mal für zwei Jahre. Dort hat er als Maschinenschlosser bei der Eisenbahn gearbeitet. Das Umzugsgeld gab es als Vorschuss, wurde dann aber vom Lohn abgezogen. Und als er dann zurück kam, suchte er sich wieder eine Wohnung in Tiergarten Süd, in dem Kiez, in dem auch seine Bücherei war.

text: BuM (QB 18)